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24 Nachwort

Published onJul 01, 2018
24 Nachwort
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24 Nachwort


Die Laktation und das Stillen stellen einen zuverlässigen, robusten und widerstandsfähigen Überlebensmechanismus dar, der sich in der Evolution als wesentlicher Erfolgsfaktor erwiesen hat. Die Muttermilch ist der Brückenschlag zwischen Mutterleib und Außenwelt und wegweisend für das Wachstum nach der Geburt. Die im Lauf der Evolution immer weiter optimierte Muttermilch ist für die bestmögliche Entwicklung des Kindes unerlässlich. Doch vielschichtiger Druck, der durch den gesellschaftlichen und kulturellen Status des Stillens erzeugt wird, sowie individuelle praktische Lebensumstände hindern viele Mütter daran, so lange erfolgreich zu stillen, wie es für die Gesundheit von Mutter und Kind empfohlen wird. Die Industrialisierung, ein Mangel an medizinischem Wissen und der Wandel in der sozialen Stellung der Frau haben dazu geführt, dass sich ganze Gesellschaften zugunsten von kommerziellen Produkten vom Stillen abgewendet haben. Dieser Trend trägt zum epidemischen Auftreten von Krankheiten bei, die zuvor selten waren und oft von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Im Zuge des zunehmenden Bewusstseins für die Auswirkungen der verschiedenen Formen der Säuglingsernährung auf Mutter und Kind geht der Trend zwischenzeitlich jedoch wieder zurück zur Muttermilch, und insbesondere zum ausschließlichen Stillen von Geburt an. Wie und womit Säuglinge und Kleinkinder gefüttert werden, hat nicht nur Auswirkungen auf ihren Ernährungszustand, sondern auch auf ihre Überlebenschancen und ihre langfristige Gesundheit. Muttermilch bietet die natürliche und vollwertige Ernährung, die das Kind in den ersten 6 Lebensmonaten für sein Wachstum und seine Entwicklung braucht. Sie leistet bis ins 2. Lebensjahr einen wichtigen Beitrag zur Deckung des Nährstoffbedarfs des Kindes [1], [2]. Muttermilch fördert die sensorische und kognitive Entwicklung, schützt vor Infektionen und chronischen Krankheiten, senkt die Morbidität und Mortalität von Säuglingen und beschleunigt die Genesung nach einer Erkrankung (siehe Kapitel 2, 4, 5, 7).

Industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung verursacht Störungen der Darmflora und der Immunabwehr – schon eine Fütterung geringer Mengen in den ersten Tagen nach der Geburt kann anhaltende negative Auswirkungen auf die Gesundheit des Individuums und der Bevölkerung haben. Industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung führt zu messbaren biologischen Unterschieden in Wachstum und Entwicklung und erhöht das Risiko einer Vielzahl von Krankheiten (siehe Kapitel 4, 5, 16). Ein Mangel an den einzigartigen Eigenschaften und Komponenten der Muttermilch und die Aufnahme der sehr unterschiedlichen wärmebehandelten Inhaltsstoffe, Metaboliten und Verunreinigungen in Säuglingsmilchnahrung können eine Schädigung des Genoms, des Mikrobioms und des Stoffwechsels zur Folge haben. Weitere Forschung zu sämtlichen Gewebearten und Organen des Körpers ist erforderlich, um die Auswirkungen von Säuglingsmilchnahrung in der Vergangenheit und in der Gegenwart vollständig einschätzen zu können. Damit sich im Darm ein möglichst gesundes Mikrobiom entwickeln kann, ist ausschließliches Stillen von Geburt an unerlässlich. Das Klinikpersonal kann hierzu beitragen, indem es evidenzbasierte Protokolle adoptiert und implementiert, die sicherstellen, dass Neugeborene nicht unnötig andere Nahrung als Muttermilch und Produkte erhalten, welche die Erstbesiedelung des Darms beeinträchtigen.

Als physiologischer Bestandteil des weiblichen Fortpflanzungszyklus ist das Stillen auch für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mütter von Nutzen, indem es ihre Stoffwechseleffizienz erhöht und das Risiko bzw. die Schwere von Anämie, Depression, Herz-Kreislauf- und anderen schwerwiegenden Erkrankungen verringert. Bei Frauen, die nicht stillen, ist das Risiko einer lebenslangen und generationenübergreifenden mütterlichen Morbidität erhöht (siehe Kapitel 5, 14), ebenso das Risiko schwerer Leiden und sogar vorzeitiger Todesfälle durch Gebärmutter-, Eierstock- oder Brustkrebs (siehe Kapitel 1, 2, 3, 4, 5, 7, 10, 11, 13, 14, 17, 22).

Forschungsergebnisse aus mehreren Ländern belegen, dass Säuglinge im Idealfall etwa 6 Monate lang ausschließlich gestillt werden sollten und danach mindestens bis zum Alter von 2 Jahren bei fortgesetztem Stillen zusätzlich Beikost erhalten sollten [1], [2]. Auf industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung sollte nur zurückgegriffen werden, wenn keine geeignete Muttermilch verfügbar ist, und auch dann nur im 1. Lebensjahr. Ab einem Alter von etwa 6 Monaten ist es wichtig für das Kind, zunehmend auch gesunde Familienkost zu essen und Wasser zu trinken [1].

Fachpersonal im Gesundheitswesen sollte sich vom Marketing der Säuglingsmilchnahrungsindustrie nicht einreden lassen, dass deren Produkte fast genauso gut seien wie Muttermilch. Bei der Muttermilch handelt es sich um ein lebendes Gewebe, bei der industriell hergestellten Säuglingsmilchnahrung dagegen um ein unsteriles, industriell hergestelltes Pulver. Die Ausbildungscurricula für alle Gesundheitsberufe sollten aktuelle Informationen über sämtliche Aspekte der Säuglingsernährung beinhalten. Dazu gehören auch mögliche Laktations- und Stillprobleme sowie die Risiken und das Schadenspotenzial von industriell hergestellter Säuglingsmilchnahrung. Mütter brauchen kompetente und kontinuierliche Unterstützung bei der Initiierung und Aufrechterhaltung der Laktation und des Stillens (siehe Kapitel 11). Fachpersonal im Gesundheitswesen kann dazu beitragen, Familien bei der Einleitung des ausschließlichen Stillens und der adäquaten Fortsetzung des Stillens zuverlässig zu unterstützen und zu begleiten.

Gemeinwesen können zur Verbreitung von Informationen über die Säuglingsernährung beitragen, um (werdende) Eltern dabei zu unterstützen, eine fundierte Entscheidung zu treffen. Darüber hinaus können sie praktische Ressourcen zur Verfügung stellen, damit Eltern ihre Entscheidung unter bestmöglichen Bedingungen umsetzen können. Um potenziellen Schäden entgegenzuwirken, muss sachlich fundiert darüber aufgeklärt werden, wie man eine Fütterung mit Muttermilchersatzprodukten sicherer gestalten kann – nicht nur im Hinblick auf die Milchnahrungsprodukte, sondern auch auf Wasserquellen und die verwendete Ausrüstung. Alle Eltern und Betreuungspersonen, die Babys mit industriell hergestellter Säuglingsmilchnahrung füttern, müssen hierüber vorurteilsfrei und praxisorientiert informiert werden. Dies gilt für diejenigen, die sich von Geburt an für die Fütterung von Säuglingsmilchnahrung entscheiden, aber auch für die zahlreichen Frauen, die nicht ausschließlich stillen oder aus welchem Grund auch immer nicht stillen können.

Diese Aufklärung über die Säuglingsernährung kann auch auf den Arbeitsplatz ausgedehnt werden, damit ArbeitgeberInnen dafür sorgen, dass es für alle berufstätigen Mütter komfortable, geschützte Räume gibt, in die sie sich zum Stillen bzw. zum Abpumpen von Muttermilch zurückziehen können. Wenn ArbeitgeberInnen besser über die Bedeutung der Muttermilch und des Stillens informiert sind, kann sich dies günstig auf den bezahlten Mutterschaftsurlaub oder die Dauer des Erziehungsurlaubs für stillende Familien auswirken (siehe Kapitel 2, 8, 9, 10). Familien und die Gesellschaft insgesamt würden auf allen Ebenen von einer universellen, zeitnahen und praktischen Unterstützung profitieren, die das Stillen ermöglicht und die Risiken der Flaschenfütterung minimiert.

Das Stillen und die Muttermilch müssen wieder als der anzustrebende „Goldstandard“ für jedes neugeborene Kind etabliert werden. Ebenso wie Blutbanken könnten auch regulierte Muttermilchbanken eingerichtet werden (siehe Kapitel 17). Solche Milchbanken können den Zugang zu Spenderinnenmilch ermöglichen und dazu beitragen, den Bedarf an Muttermilch zu decken, wenn Mütter ihre Kinder nicht mit eigener Muttermilch versorgen können. Auch sachliche Informationen über die Risiken und Vorteile des Stillens durch Ammen und der informellen Weitergabe von Muttermilch sollten allgemein verfügbar sein und Eltern, die sich für diese vailden Alternativen entscheiden, sollten nicht verurteilt werden (siehe Kapitel 12). Regierungen könnten Subventionen für die Säuglingsmilchnahrungsindustrie kürzen, die kostenlose Abgabe von Säuglingsmilchnahrung an Eltern unterbinden, Säuglingsmilchnahrung für Familien mit niedrigem Einkommen nur dann bezuschussen, wenn sie medizinisch notwendig ist, oder die Preisgestaltung von Säuglingsmilchnahrung einer kritischen Bewertung unterziehen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des suboptimalen Stillens auf die Gesellschaft sind beträchtlich [4]. Überzeugende Belege sprechen dafür, dass die nationalen Gesundheitssysteme durch eine Erhöhung der Stillraten in erheblichem Maß finanziell entlastet werden könnten (siehe Kapitel 11). Industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung hat auch für die Familien, die Gesellschaft und die Umwelt einen hohen Preis. Finanziell schlechter gestellte Familien werden zusätzlich geschwächt, wenn sie das Potenzial der reichhaltigen, natürlichen Ressource Muttermilch nicht ausschöpfen. Hier sollten pragmatische Strategien in Betracht gezogen werden, mit denen sich das Stillen in einkommensschwachen Familien fördern, ermöglichen und sogar belohnen lässt, wobei die Familien selbst und diejenigen, die mit ihnen arbeiten, aktiv miteinbezogen werden sollten.

Es gibt viele Herausforderungen rund um die Stillpraxis und -förderung, die Eltern, Regierungen, Fachpersonal im Gesundheitswesen und FürsprecherInnen zu bewältigen haben. Alle Eltern, egal ob sie ihre Kinder stillen oder mit der Flasche füttern, müssen die Möglichkeit erhalten zu lernen, wie sie dies auf möglichst sichere Weise tun können, und Zugang zu begleitenden Unterstützungsnetzwerken haben. Die Autonomie und Wahlfreiheit der Eltern müssen respektiert werden. Gleichzeitig müssen Eltern allerdings auch verstehen, dass Gesundheitsbehörden und Angehörige der Gesundheitsberufe gesetzlich verpflichtet sind, die Gesellschaft über die Risiken des Nichtstillens aufzuklären. Der Staat kann außerdem den Wandel vorantreiben, indem er für eine Regulierung der Produktion und Bewerbung von Säuglingsmilchnahrung in sämtlichen Medien sorgt, auch in den sozialen Medien. Damit könnte er der intensiven Vermarktung von Säuglingsmilchnahrung, Ernährungsprodukten und kommerzieller Babynahrung ein Stück weit entgegentreten.

Wie bereits dargelegt, sind unabhängige wissenschaftliche Studien erforderlich, um die lebenslangen und generationenübergreifenden Auswirkungen sowohl des Nichtstillens als auch der Säuglingsmilchnahrung auf sämtliche Organe und Gewebe des menschlichen Körpers weiter zu erforschen. Darüber hinaus wären Studien wünschenswert, in denen Säuglingsmilchnahrungsprodukte mit ähnlicher Zusammensetzung im Hinblick auf ihre Gesundheitsfolgen miteinander verglichen werden, damit Fachpersonal im Gesundheitswesen und Eltern bei Bedarf die am besten geeigneten Marken für die jeweilige Altersgruppe und Situation auswählen können. Auch professionelle Gesundheitsorganisationen und Fachverbände spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle. Da sie die neuesten Forschungsergebnisse zur Säuglingsernährung kennen, können sie die häufig vorhandenen Wissenslücken bei Personal im Gesundheitswesen schließen Außerdem könnten interdisziplinäre Gremien, besetzt mit erfahrenen StillberaterInnen und FürsprecherInnen, einberufen werden, um Strategien zur Überwindung dieser Wissenslücken zu entwickeln und zu propagieren, was zu einer Optimierung der Stillpraktiken beitragen könnte. Und nicht zuletzt könnte im Rahmen von öffentlichen Gesundheitskampagnen (siehe Kapitel 9) – ähnlich den erfolgreichen Kampagnen für Autokindersitze – dafür geworben werden, Kinder möglichst zu stillen und nicht ohne Grund auf industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung zurückzugreifen. Eine solche Werbung für das Stillen soll niemanden anklagen oder unter Druck setzen, sondern unnötige Schäden in der Zukunft vermeiden. Genau wie andere Gesundheitskampagnen kann sie jedoch bei den Betroffenen starke emotionale Reaktionen hervorrufen.

Die Förderung der von der WHO empfohlenen Praxis, unmittelbar nach bzw. innerhalb der 1. Stunde nach der Geburt mit dem Stillen zu beginnen und bis zum Alter von etwa 6 Monaten ausschließlich und uneingeschränkt zu stillen, ist im allerbesten Interesse der Gesundheit von Mutter und Kind [3]. In den Globalen Ernährungszielen der WHO für 2025 ist eine Steigerung der Rate des ausschließlichen Stillens während der gesamten ersten 6 Lebensmonate auf mindestens 50% vorgesehen [5].

Um diese Herausforderung zu bewältigen, müssen in allen Forschungsdisziplinen mehr Mittel bereitgestellt werden. Es ist außerdem unerlässlich, dass WissenschaftlerInnen verschiedener Fachrichtungen und hinreichend unterstützte gemeinwesenbasierte ImplementiererInnen in tragfähigen Netzwerken zusammenarbeiten. Die Stillförderung zählt zu den Gesundheitsmaßnahmen mit der besten Rendite überhaupt, aber dennoch ist sie nach wie vor relativ unterfinanziert [4]. Seit einem Jahrhundert subventionieren westliche Regierungen auf direkten und indirekten Wegen die Entwicklung und Verbreitung von industriell hergestellter Säuglingsmilchnahrung. Regierungen und EntscheidungsträgerInnen müssen die Herausforderung durch die WHO annehmen und die Säuglingsernährung auf der politischen Agenda weiter nach oben rücken. Investitionsbedarf besteht insbesondere beim Aufbau von Kapazitäten, bei der Stärkung der Systeme und beim Scaling-up von Programmen zum Schutz, zur Förderung und zur Unterstützung des Stillens. Es werden erhebliche Ressourcen und strukturelle Veränderungen nötig sein (siehe Kapitel 10), damit alle Frauen die Freuden des erfolgreichen Stillens erleben können und alle Babys Zugang zu einer der wertvollsten Ressourcen der Natur erhalten: der Muttermilch.

Geelong (Australien), im Juli 2018

Maureen Minchin

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