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Geleitwort

Published onJul 01, 2018
Geleitwort
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Geleitwort


Michael Larsson

Als meine Eltern im Jahr 1962 mit dem Vertrieb von Milchpumpen begannen, war die Welt des Stillens noch eine ganz andere: Man glaubte fest daran, dass es möglich sei, alle natürlichen Vorgänge zu replizieren. Industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung galt in der Folge als Norm und das Stillen war an einem Tiefpunkt. Nichtsdestotrotz waren meine Eltern von der Wichtigkeit des Stillens und der Bedeutung von Milchpumpen überzeugt.

Dass wir einen wissenschaftlichen Ansatz benötigten, um die Muttermilchbildung besser zu verstehen, war mir klar, als ich in den 1980er Jahren meine Tätigkeit im Familienbetrieb aufnahm. Und so fing ich an, die Saugkurven von Säuglingen an der Brust zu untersuchen. Durch diese Studien eröffnete sich mir eine ganz neueWelt, und ich lernte, dass sich beim Stillen eines Säuglings 2 Phasen unterscheiden lassen – die Stimulations- und die Milchflussphase. Daher arbeitete ich mit unseren Ingenieuren daran, entsprechende 2-Phasen-Milchpumpen zu entwickeln. Diese 2-Phasen-Abpumptechnologie ist heute Standard. Hier begann auch unsere erste Forschungskooperation mit Peter Hartmann und seinem Team an der University ofWestern Australia (UWA).

Unser wissenschaftliches Netzwerk wurde im Lauf der Jahre immer größer, und gleichzeitig standen wir immer wieder vor neuen Fragen. Ich führte zahlreiche Gespräche mit Experten verschiedener Forschungsrichtungen über das Stillen und die menschliche Laktation, u. a. aus der Biochemie, Physiologie, Psychologie, Physik etc. Mir fiel auf, wie niedrig der Kenntnisstand auf diesem Gebiet zu jener Zeit war. Und dennoch waren viele der Ansicht, genug über dieses Thema zu wissen.

Mir war bewusst, dass Engagement und Investitionen erforderlich sein würden, um das Forschungsgebiet voranzubringen. Und so begann unsere Reise, nicht nur in die produktbezogene Forschung, sondern auch in die Grundlagenforschung zur Verbesserung der Wissensbasis. Wir durften die Entwicklung erstaunlicher Erkenntnisse aus erster Hand miterleben, wie zum Beispiel die verblüffende Entdeckung von Stammzellen in der Muttermilch sowie ein neues Verständnis der Anatomie der laktierenden Brust (womit mehr als 150 Jahre altes Wissen auf den neuesten Stand gebracht wurde). Und wir waren erst am Anfang – es sollte noch so viel Erfahrung zu sammeln und so viel zu lernen geben. Insgesamt wurde der erhebliche gesundheitliche Langzeitnutzen des Stillens und der Muttermilch immer deutlicher.

Je mehr wir durch die von uns initiierte Forschung erfuhren, desto klarer wurde uns, dass die evidenzbasierte Forschung auf eine breitere Basis gestellt werden musste. Dies nicht zuletzt auch, um das Stillen als Standard zu etablieren. Aus diesen Gründen entstand die Vision meiner Familie, einen entscheidenden Beitrag zur Schaffung einer Welt zu leisten, in der jedes Kind vom Nutzen des Stillens und der Muttermilch profitiert und so einen optimalen Start ins Leben erhält und der, wie wir heute wissen, auch für die Gesundheit in späteren Jahren wichtig ist. Dies veranlasste meine Familie, die Familie Larsson-Rosenquist Stiftung zu gründen, die sich der Still- und Muttermilch-Forschung und -Förderung verschrieben hat. Ich hatte die Ehre, ihr Gründungsvorsitzender zu sein.

Die dee zu diesem Buch entstand im Anschluss an einen Besuch in China im September 2013. Der Markt wurde von industriell hergestellter äuglingsmilchnahrung beherrscht, und der Anteil der im Alter von 6 Monaten gestillten Kinder war extrem gering (20,8 %). Im Lauf dieser Reise besuchten wir auch das Lehrkrankenhaus der Provinz Zhejiang (in der mehr als 50 Millionen Menschen leben). Die marktbeherrschende Stellung der industriell hergestellten Säuglingsmilchnahrung gab der Leiterin der Pflegeforschung Anlass zur Sorge. Es war ihr ein großes Anliegen, diesen Trend umzukehren – und Forschung war der Schlüssel dazu. Ihr großes Engagement stand außer Zweifel. Sie hatte jedoch Schwierigkeiten, sich einen Überblick über den Stand der Wissenschaft auf den Gebieten Stillen und menschliche Laktation zu verschaffen, u. a. etwa zum Übergang von Arzneimitteln in die Muttermilch, wozu sie selbst gerne forschen wollte. Als Orientierungshilfe ließ ich ihr das Buch von Tom Hale, das sich mit dem Übergang von Arznei- 5 mitteln in die Muttermilch befasst, sowie das Lehrbuch über die menschliche Laktation von Hale & Hartmann (Textbook of Human Lactation) zukommen. Aber für mich war klar, dass zusätzlich eine einfach verständliche Übersicht über das Wissen der menschlichen Laktation gebraucht wird.

Ich habe noch viele vergleichbare Situationen erlebt, in denen Menschen Veränderungen anstreben und sich wegen des immer größer werdenden Wissens über den gesundheitlichen und olkswirtschaftlichen Nutzen der Muttermilch zunehmend für das Thema Stillen interessieren. Die Herausforderung, vor der sie stehen, ist stets dieselbe: Was ist erforderlich, um diese Veränderungen möglich zu machen?

Der Schlüssel liegt darin, den Menschen das nötige Wissen an die Hand zu geben, damit sie die Wichtigkeit des Stillens auf regionaler, nationaler oder sogar internationaler Ebene aufzeigen und so Veränderungen herbeiführen können. Aus diesem Grunde bin ich überzeugt von dem steigenden Bedarf an einem Buch, das einen fachübergreifenden Überblick über das Thema Stillen und Muttermilch bietet. Es gibt eine Menge Bücher über das Stillen an sich, aber es gibt keines, in dem das Thema aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. Das vorliegende Werk behandelt eine Fülle von zentralen Fragestellungen und deren Bedeutung für die Praxis. Es wurde von Wissenschaftlern, die in ihrem jeweiligen Fachgebiet führend sind, eschrieben und bietet somit einen umfassenden, fachübergreifenden Überblick über den Themenkomplex Stillen und Muttermilch. Es soll denjenigen, die den Nutzen des Stillens und der Muttermilch bekannter machen wollen, das notwendige Wissen vermitteln, um Entscheidungsträger davon zu überzeugen, dass eine Förderung des Stillens die beste Möglichkeit darstellt, kurz-, aber vor allem langfristig positive Gesundheitseffekte zu bewirken. Dadurch ließen sich Gesundheitsausgaben senken und die Produktivität erhöhen.

Ich wünsche mir, dass immer mehr Kinder mit Muttermilch, die ihnen einen lebenslangen Schutz bietet, aufwachsen dürfen.

Zug (Schweiz), im August 2020

Michael Larsson

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